Tom Standage

Tom Standage
Tom Standage, Journalist und Autor, lebt mit Frau und Kindern in London. Er ist Redakteur beim Economist und schreibt unter anderem für die New York Times. Von ihm sind bereits verschiedene Bücher erschienen, bei Artemis & Winkler 2006 "Sechs Getränke, die die Welt bewegten".

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Interview

Interview mit Tom Standage zu seinem Buch "Der Mensch ist, was er isst. Wie unser Essen die Welt veränderte.", erschienen im Februar 2010:

Verlag: Die meisten Leute wissen nicht, dass es mal eine „Ur-Karotte“ gab, die violett war. Warum können wir diese Sorte heute nur noch an ausgewählten Orten, wie dem Viktualienmarkt in München, kaufen?
Ursprünglich waren Karotten weiß und violett, und die süßere, orangefarbene Sorte wurde erst im 16. Jahrhundert von niederländischen Gärtnern zu Ehren von Prinz Wilhelm von Oranien kreiert. Orangefarbene Karotten sind sozusagen von Menschenhand gemacht. Aber die Menschen haben das vergessen und erwarten, dass Karotten orange sind. Der Versuch einer britischen Supermarktkette im Jahr 2002, die traditionelle, violette Sorte wieder einzuführen, schlug fehl, da die Käufer die selektiv gezüchtete, orangefarbene Sorte bevorzugten. Violette Karotten sahen für die Leute komisch und fehlerhaft aus.

Verlag: Gibt es einen Trend hin zur Naturkost und ursprünglicheren Nahrungsmitteln und was erwarten die Menschen davon? 
Es gibt fast kein Lebensmittel, das wirklich natürlich ist. Wenn man eine Zeitmaschine hätte und 20.000 Jahre zurück ginge, würde man keine Hühner, keine Kühe, keinen Mais vorfinden. Man würde nur ihre viel kleineren, wilden Vorfahren antreffen. Das meiste, was wir essen, wurde domestiziert – mit anderen Worten: Es wurde durch selektive Züchtung über Tausende von Jahren hinweg modifiziert. Die meisten Pflanzen und Tiere, die wir essen, wurden vor 10.000 bis 4.000 Jahren domestiziert, daher neigen wir dazu, anzunehmen, dass sie schon immer in dieser Form existiert haben. Aber das haben sie nicht. Wir, die Menschen, haben sie in dieser Form geschaffen. Die einzigen Ausnahmen, die einzig echte „Naturkost“, bilden wild wachsende Lebensmittel, wie wilde Nüsse, Beeren, Pilze und Fische.

Verlag: Was bedeutet das im Hinblick auf die Debatte über gentechnisch veränderte Lebensmittel?
Nun, ich würde behaupten, dass die gentechnische Veränderung lediglich eine Weiterführung dieses Prozesses mit präziseren, modernen Methoden ist. Eine interessante Entwicklung ist die „markergestützte Selektion“ oder Präzisionszucht, die Erkenntnisse aus der Genomsequenzierung  zur Steuerung der traditionellen Pflanzenzüchtung nutzt, damit bestimmte Eigenschaften vererbt werden. Das heißt, man erzielt die Vorteile der Gentechnik durch die Anwendung traditioneller Methoden. Vielleicht können die Gegner der Gentechnik diesen Ansatz akzeptieren?



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